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Nur Judo im Kopf

Von Sebastian Weßling

Auch mit 71 Jahren kann Europameister Matthias Schießleder nicht von seinem Sport lassen. Für seine erfolgreiche Karriere wurde er mit dem neunten Dan ausgezeichnet

WAZ-SERIE GESICHTER DES SPORTS Er ist in die Jahre gekommen, das merkt man. Das Haar ist schütter, wo früher der Judo-Gürtel saß, zeigt sich ein kleiner Bauchansatz und 13 Jahre Leistungssport haben den Körper von Matthias Schießleder gezeichnet. Ein künstliches Gelenk im rechten Knie - eingesetzt bei der zehnten Operation - drei Eingriffe am linken und diverse andere Operationen zeugen davon. "Ich habe mich nie geschont", schmunzelt der 71-Jährige. "Wenn ein Orthopäde heute sieht, was wir gemacht haben, würde er in Ohnmacht fallen."

Trotz des fortgeschrittenen Alters wurde dem Essener Judoka kurz vor Weihnachten der neunte Dan verliehen - eine seltene Ehre. Schießleder ist erst der dritte Deutsche, der einen derart hohen Rang erreicht hat. "Wenn man soweit oben angekommen ist, ist man nicht mehr der Jüngste", sagt der Europameister und Olympiateilnehmer. "Da erwartet keiner, dass man noch auf der Matte steht, sondern eher am Konferenztisch sitzt." Die hohen Grade - ab dem sechsten Dan - werden nämlich nicht mehr durch eine Prüfung erreicht, sondern verliehen.

"Es ist eine Ehrung fürs Lebenswerk", sagt Schießleder. "Vom ersten Wettkampf an die gesamten 56 Jahre." Den Verlauf dieser Jahre - allesamt beim Essener Polizei SV- hat er ausgedruckt, fein säuberlich getrennt nach Wettkampferfolgen, Graden, Ehrungen und ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Auf dem letzten Blatt steht fast jedes Amt, das es im deutschen Judo gibt. Und einiges mehr: So arbeitete er mit Kindern aus sozialen Brennpunkten in Essen. "Das war wunderbar einfach", sagt Schießleder. "Die Eltern haben mich immer dazu aufgefordert, streng zu sein und denen mal eine zu verpassen. Hab' ich aber nie gemacht." Für sein soziales Engagement bekam er 1999 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen.

Zum 70. Geburtstag hat der gelernte Destillateur - der aber nach der Ausbildung Polizist wurde - seine Ehrenämter weitgehend abgegeben, viel zu tun aber hat Matthias Schießleder immer noch. "Die Kameraden machen keinen Handschlag, ohne vorher nach meiner Meinung zu fragen", schmunzelt er. Und was macht er, wenn er sich mal nicht mit Judo beschäftigt? "Das gibt es nicht", antwortet Schießleder und grinst.

Auch auf der Matte steht der 71-Jährige noch regelmäßig, gemeinsam mit Gleichaltrigen. Die Senioren trainieren gemeinsam, essen, trinken und saunieren. Alles wie früher also - nur die Gesprächsthemen haben sich geändert: "Früher haben wir über Frauen geredet, heute reden wir über unsere Beschwerden."

Früher, das ist eine Weile her. 1951, mit 14 Jahren, begann Schießleder im PSV mit dem Judo. "Ich habe wie besessen trainiert, bin jeden Tag mit dem Fahrrad eine Stunde von Borbeck nach Bredeney gefahren", blickt er zurück. Sportlich zahlte sich die Schufterei schnell aus, schon im folgenden Jahr wurde er Deutscher Vizemeister. Zehn Deutsche Meisterschaften und die Europameisterschaft 1960 gewann Schießleder. Sein größter Erfolg aber war die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1964 in Tokio, wo er jedoch früh ausschied.

Danach, mit 27 Jahren, erklärte der Judoka seinen Rücktritt vom Wettkampfsport - der Körper musste dem immensen Trainingsumfang Tribut zollen. "Trotzdem: Wenn ich mich heute frage, ob ich alles wieder so machen würde - ich glaube schon", sagt er.

Schließlich kann sich die Bilanz seiner Laufbahn sehen lassen, die nun mit dem neunten Dan gekrönt wurde. "Auf den Original-Gürtel warte ich aber noch heute", sagt er lächelnd. Zwar hat der Judo-Senior symbolisch einen überreicht bekommen, aber das Original muss in Japan hergestellt werden - aus Seide und nach genauen Maßen. Bei erst drei Menschen, die diesen Gürtel in Deutschland tragen dürfen, lohnt es sich nicht, ihn auf Vorrat zu produzieren. waz essen

Foto: waz essen
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