| Von Tamina Urbaniak
Marl. Zwischendurch muss Zeit zum Speichern sein. Sich ein ganzes Wochenende lang mit Kimenokata zu beschäftigen, das ist anstrengend. Für Kopf und Körper.
Kata, so nennen sich im Ju-dosport stilisierte Kampfformen, und Kimenokata ist eine spezielle davon. Die zu erlernen - auch mit Hilfe von Speicherpausen zwischendurch -, dazu hatten sich 60 Judokas in Marl in der Martin-Luther-King-Schule eingefunden. Der Japaner Shiro Yamamoto Sensei gab einen Lehrgang. Yamamoto ist zwar schon 75 Jahre alt und hat weiße, sorgsam frisierte Haare, aber wenn er stämmig und stabil auf den Judomatten steht und in ei-nem seltsamen Gemisch aus Japanisch, Französisch, ein paar Englisch- und Deutsch-Brocken mit seinen Schülern redet, dann ahnt man auch als Unbeteiligter und Nicht-Judoka, warum dieser Mann den achten Dan trägt, also einen Gurt, der ziemliche Vollen-dung der Kampfsportkunst symbolisiert. Kampfsportler aus ganz Deutschland und sogar aus Österreich kamen, um von der Kunst des weisen alten Mannes zu hören.
Der Lehrgang fand nur aus-nahmsweise in Marl statt. "Das war Zufall", erklärt die Jugendleiterin des JBC Marl Renate Künne. Normalerweise findet einmal ein Lehrgang mit Shiro Yamamoto - Sensei ist ein höflicher Ehrentitel für einen Lehrenden - im Landesleistungsstützpunkt in Duisburg statt. Aber dort war diesmal eine andere Veranstaltung, und so wurden für dieses Wochenende Matten aus Turnhallen im ganzen Kreis Recklinghausen zusammengekarrt, damit der Meister anständig wirken konnte.
Jede einzelne Zehe muss korrekt gespreizt sein, der Oberschenkel hier richtig angewinkelt und die Handfläche dort richtig angesetzt werden. "Das Erlernen der Kata ist, wie wenn man eine Last über eine lange Strecke trägt", übersetzt Yamamotos Begleiter und erzählt von der japanischen Variante der Hase-und-Igel-Fabel. In Fernost ist es allerdings eine Schildkröte, die sich als klüger im Wettrennen her-ausstellt. Lieber langsam, aber dafür kontinuierlich weitermachen, sich nicht zu viel vormachen, mahnt Yamamoto und drückt hier eine Schulter ein wenig mehr nach hinten, zupft da am Gürtel, wo die Hüftstellung noch nicht ganz korrekt aussieht.
Shiro Yamamoto war wäh-rend seiner Berufstätigkeit Chefausbilder bei der Polizei für den Großraum Tokio, und dort hat er auch ähnliche Samurai-Techniken wie diese, die er mit nach Marl brachte, gelehrt. "Diese Techniken muss man im Schlaf können", erklärt Klaus Hanelt aus Wiesbaden, der Kata-Beauftragte im Deutschen Judobund, die Philosophie der Samurai-Krieger. "Zwischen Angriff und Abwehr soll kein Augenblick Zeit sein."
Die Persönlichkeit Yama-motos und die Ruhe, verbunden mit absoluter Bestimmtheit, mit der er sein umfängliches Wissen weitergibt, sie faszinieren die Lehrgangsteilnehmer in der Marler Halle besonders. Und: So konzentriert lauschend, aufmerksam und lernwillig erleben wohl wenige Lehrer ihre Schüler. In der Ruhe liegt die Kraft. Shiro Yamamoto leitete den Kimenokata-Lehrgang in Marl. Der 75-Jährige ließ 60 Judokas Teil an seinem Wissen haben.
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